Native American Association of Germany e.V.
Building Bridges - Connecting People

"Indianer" - Politische Korrektheit

Aus aktuellem Anlass

Artikel „Traum vom Indianerhäuptling sollte man den Kindern nicht verbieten“, veröffentlicht am 23.03.2021 von WELT

Zusätzliche Informationen und Erläuterungen von Carmen Kwasny, um Missverständnisse aus dem Weg zu räumen

In einem kurzen Artikel lässt sich längst nicht alles wiedergeben, was während eines ca. halbstündigen Interviews gesagt wurde. Das ist grundsätzlich so. In der Regel werden Kernaussagen zusammengefasst und in einer stark gekürzten Form veröffentlicht. Im digitalen Zeitalter geschieht dies in einem rasanten Tempo. Durch die Kommentarfunktionen, ist es bei vielen Online-Publikationen möglich, seine eigene Meinung zu äußern und Diskussionen zu führen. Für uns ist dies eine große Hilfe, da wir so erkennen können, ob es zu Missverständnissen gekommen ist.

Da wir "Brücken bauen wollen und keine Mauern" möchte ich nun meinen Beitrag dazu leisten, diese Missverständnisse aus dem Weg zu räumen. Im Interview habe ich gesagt:

"Das Problem ist auch, dass wir keinen deutschen Begriff haben, der das passend übersetzt. Wir haben es noch nicht mal in unserer Sprache."

Was war genau damit gemeint?

Wenn ich in der deutschen Sprache den englischen und "politisch korrekten" Begriff "Native Americans" verwende, wissen nach wie vor viele Deutsche nicht, wer damit gemeint ist. Richtig kompliziert wird es dann, wenn ich versuche diese zwei englischen Wörter in den deutschen Sprachgebrauch zu integrieren. Hier ist ein Beispiel:
"Wir unterstützen Native American Künstler" anstelle von "Wir unterstützen indianische Künstler". Ich könnte auch sagen: "Wir unterstützen indigene Künstler." Doch dann ist nicht klar, welche Künstler von welchen Kontinenten. Ich müsste es also so ausdrücken: "Wir unterstützen indigene Künstler aus Nordamerika." Selbstverständlich könnten wir das so ausdrücken, doch wie viele Menschen würden "indigene Künstler aus Nordamerika" in die Suchmaschinen eingeben?
Wir haben in der deutschen Sprache das Wort "indianisch" und das ist ein "Sammelbegriff" für hunderte von Nationen, die sich jeweils sowohl in ihrer Sprache, als auch in der Kultur, als auch in ihrer Lebensart massiv voneinander unterscheiden. Wenn ich "Europäer" sage, ist es hier in Europa den meisten bewusst, dass von verschiedenen Nationen die Rede ist. "Indianer" werden jedoch sehr oft auf ein Stereotyp reduziert. Wir werden dies in Zukunft noch ausführlicher erläutern.
Selbstverständlich wissen wir auch, dass wir den Begriff "Ureinwohner Amerikas" verwenden könnten, doch diese Bezeichnung löst in vielen Köpfen leider ganz bestimmte Assoziationen aus und ist doch eher negativ behaftet.

Wir haben keine Faschingsveranstaltung einer pädagogischen Einrichtung besucht und den kostümierten Kindern dann gezeigt, wie die unterschiedlichen Trachten einiger Native American Nationen aussehen, um die Kinder bloßzustellen und ihnen zu vermitteln, dass sie "falsch angezogen" sind. Das ist eine Schlussfolgerung, die meilenweit von dem entfernt ist, wie wir unsere Bildungsarbeit in die Praxis umsetzen.

Um zu veranschaulichen, mit welchen Problemen wir konfrontiert werden, möchte ich an dieser Stelle über eine Erfahrung berichten, die wir in einem Kindergarten gemacht haben:

Wir haben eine Einrichtung gemeinsam mit indianischen Kindern (mit Native American Kindern, mit Kindern der Ureinwohner Nordamerikas, mit indigenen Kindern aus Amerika) besucht und einige Tänze gezeigt und erklärt. Die Kinder waren dabei in Tracht. Anschließend saßen wir beim gemeinsamen Essen alle an einem Tisch. Da stellten die Kindergartenkinder auf einmal die Frage, wo denn die indianischen Kinder seien. "Da sitzen sie doch", entgegneten wir. "Wo denn?", fragten die Kinder. Sie waren nicht dazu in der Lage, die indianischen Kinder zu erkennen, weil diese sich umgezogen hatten und nun in Jeans und T-Shirts am Tisch saßen.

Wenn ich eine pädagogische Einrichtung besuche und die Frage stelle, ob ich eine Indianerin sei. Dann sagen die Kinder: "Nein." Wenn ich frage, warum ich dies nicht bin, dann erklären sie mir: "Du trägst keine Federn."

Während also die Seminolen (Seminole Tribe of Florida) im Besitz der gesamten Hard Rock Cafe Kette sind (inklusive der Cafés in Berlin, Hamburg, Köln und München), tanzen hier in Deutschland Kinder und Erwachsene im Rahmen von "Indianerprojekten" in Faschingskostümen mit Federschmuck auf dem Kopf und Tomahawks in der Hand um einen völlig verkitschten Totempfahl, den sie fälschlicherweise als Marterpfahl bezeichnen. Dabei werden dann Lieder mit Texten gesungen, die stereotype Vorstellungen noch weiter zementieren. Dies hier ist nur ein Beispiel von vielen:

"Indianer heißen wir, ahu, ahu, ahu! Aus fernen Landen kommen wir, ahu, ahu, ahu! Wir zeigen euch mit Schild und Lanz' den wilden Indianertanz, ahu ...  "


Weitere Erläuterungen werden folgen.

Carmen Kwasny


Wer sich noch intensiver mit diesen Themen beschäftigen möchte, findet weitere Informationen auf folgenden Seiten:

 

Stereotypen und "Indianer"-Kostüme

Aus den Blickwinkeln von Native Americans heraus betrachtet

Kostümierungen

Mit Links zu einem Dokumentarfilm und einem Radiobeitrag, beides in deutscher Sprache